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Über das Buch

Über das Buch

Risse, Flecken, Farbspuren. Eine ölhaltige Substanz scheint sich über dem Ledereinband ergossen zu haben. Der Umschlag verrät, dass das Levezow-Album viel benutzt und oft transportiert wurde. Aber er lässt nicht erahnen, dass sich in seinem Innern ein wahrer Schatz verbirgt: 71 Blätter mit Pinselzeichnungen unterschiedlicher Thematik, die zwischen 1685 und 1687 angefertigt wurden. Der Zeichner, Joachim Etzekiel Levezow, signierte viele der Bilder. Das Buch diente ihm als Bildlabor und Wissensspeicher.

Die erste Seite zeigt eine mythologische Darstellung, sorgfältig ausgeführt mit feinem Pinsel: Andromeda, wie sie an den Felsen gekettet auf ihre Rettung durch Perseus wartet. Dann folgen zwei Vogelfüße, in einer farbenprächtigen Flusslandschaft stehend, aber ohne Körper, danach ein Sperber, auf einem Ast sitzend. Mehrere Seiten lang, in schwarzer Tinte und regelmäßiger Schrift, werden Gesellschaftsspiele notiert. Erst danach entfaltet sich der Kosmos unterschiedlichster Zeichnungen weiter: Zunächst lassen sich Bewegungs- und Proportionsstudien an Strichmännchen und Gliederpuppen studieren, bevor eine Doppelseite der Genealogie Levezows gewidmet ist – kaum zu entziffern, da die Worte durchgestrichen und damit getilgt wurden. Es folgen Kopf- und Gesichtsstudien, Augen, Nasen, Ohren. Die Körperfragmente werden bald abgelöst von antiken und mythologischen Stoffen, Serien von Monats- und Fünf-Sinnes-Darstellungen, Blumen und weiteren Vögeln – heimische und exotische. Die meisten Bilder, die Levezow in seinem Album zusammenstellt, sind nach Kupferstichen angefertigte Kopien. Die Auswahl der Vorbilder lässt eine klare geschmackliche Ausrichtung des Zeichners erkennen, die niederländische Kunst um 1600 mit ihren bekannten Vertretern Hendrick Goltzius und Marten de Vos. Nur die Blumen- und Vogeldarstellungen könnten aufgrund ihrer Farbigkeit auf einem gezeichneten Album basieren.

Die starken Gebrauchsspuren am Einband lassen eine häufige und intensive Nutzung vermuten: Levezow dürfte das Buch mit sich geführt haben, um in ausgewählten Bibliotheken oder Sammlungen nach gedruckten Vorlagen zu zeichnen. Das Zeichenbuch gehört in die Tradition der gelehrten Kollektaneen oder Commonplace-Books, die dem Besitzer als persönliche Sammlung von Notaten dienten. Levezow legt in dem Buch Zeichnungen nieder, um sein visuelles Gedächtnis zu stützen und das Gesehene mit sich zu nehmen. Die Zusammenstellung spricht in der Wahl der Themen dafür, dass das Zeichenbuch im Sinne zeitgenössischer memoria -Theorien als ausgelagertes Gedächtnis des Besitzers fungierte. Er erschließt sich den mundus visibilis und interessiert sich zugleich für die allegorische Deutung desselben. Durch die Beschriftungen in deutscher und lateinischer Sprache wird deutlich, dass Levezow über eine gewisse Bildung verfügte. Dies unterstreichen auch die korrekten Transkriptionen aus dem Lateinischen sowie die lateinische Nomenklatur der Pflanzen. Das Levezow-Album dient dem Festhalten von visuellen Informationen und einer topischen Wissensordnung, die das Zeichenbuch zu einem Kompendium der Verbindlichkeit ästhetischer Normen und des verfügbaren Wissens machen.

Die digitale Edition des Levezow-Albums, das in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg aufbewahrt wird, ist in den Jahren 2023/24 aus drei Seminaren bei Iris Wenderholm am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg hervorgegangen. Die Umsetzung erfolgte durch das Hub of Computing and Data Science (HCDS) der Universität Hamburg, gefördert im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder.