nächste Seite previous Seite

Zurück ins Buch

Andromeda

Andromeda

Die erste Zeichnung im Levezow-Album zeigt eine Szene der antiken Sage um Perseus und Andromeda, bekannt aus den Metamorphosen des Ovid (Met. IV, 665-770 ). [1] Die entblößte und an einen Felsen gekettete Frauenfigur sowie der im Hintergrund auf Pegasus herannahende Perseus, das Schwert bereits für den Kampf gegen das im Wasser geifernde Ungeheuer erhoben, steht in der Darstellungstradition des Mythos im 16. und 17. Jahrhundert. Erst auf den zweiten Blick zu erkennen, befindet sich eine Signatur neben Andromedas rechtem Fuß, die der Künstler geschickt in die Schraffur der Zeichnung einfließen lässt. Das „I.E.L.“ verweist auf Joachim Etzekiel Levezow als Zeichner.

Als Zeichenvorlage lassen sich zwei unterschiedliche Quellen vermuten, die jedoch beide nicht eindeutig mit Levezows Ausarbeitung übereinstimmen. Zum einen könnte ein Zeichenlehrbuch von Hendrik Hondius (1573-1650) (, Fundamentales Regulae Artis Pictoriae Et Sculpt[urae] , um 1600 als Vorbild gedient haben (Bild sehen). Hier lässt sich eine sehr ähnliche Darstellung der Andromeda finden. In beiden Versionen ist die Hauptfigur des Bildes nach links gewandt, ihr linker Arm über dem Kopf gefesselt. Das Monster im Wasser wendet sich mit verdrehtem Hals nach rechts oben Perseus zu. Auch die wehenden Haare der Andromeda, der Totenschädel am Boden und die Platzierung der Signatur stimmen überein. Den größten Unterschied weist dabei die Figur des Perseus auf. In der Vorlage mit erhobenem Schwert und Schild nach rechts gewandt, zeichnet Levezow ihn in gespiegelter Richtung nach links gerichtet, das Schwert hinter dem Rücken, die Hand keinen Schild, sondern die Zügel seines Reittieres haltend.

Auch die Zeichnung bei Hondius orientiert sich an einer Vorlage. Im Zeichenlehrbuch handelt es sich um eine vereinfachte, gespiegelte Kopie nach einer Druckgraphik der Werkstatt von Hendrick Goltzius (1558-1617) um 1590 (Bild sehen). [2] Die bei Goltzius am unteren Bildrand befindlichen lateinischen Verse sind im Zeichenlehrbuch einem einfachen, mit Verzierungen umrahmten, „ANDROMEDA“ gewichen. Auch Goltzius‘ Signatur findet sich nicht neben Andromedas Fuß, sondern am rechten unteren Bildrand. Levezow hingegen verzichtet vollständig auf eine Bildinschrift.

Laut dem New Hollstein existiert eine weitere Kopie (nicht gespiegelt) zu Goltzius‘ Arbeit, welche ebenfalls am Rand mit „Andromeda“ bezeichnet ist, unklar ist jedoch, ob diese bei Hondius als Vorbild herangezogen wurde. [3] Auffällig ist, dass die Ausrichtung des Perseus bei Goltzius der bei Levezow entspricht, jedoch unterscheiden sich auch hier die Details um Schwert und Schild. Die Version im Album gibt an dieser Stelle Rätsel auf. Möglich ist, dass sich Levezow an einer weiteren unbekannten Quelle orientierte oder er sich in der Ausarbeitung des Perseus die künstlerische Freiheit der Eigeninterpretation nahm.

Autor:in: Lina von Waldow

Fußnoten

[1] Vgl. P. Ovidius Naso, Metamorphosen, übers. u. hrsg. v. Michael von Albrecht, Stuttgart 2012, S. 227-234.

[2] Vgl. The New Hollstein Dutch & Flemish Etchings, Engravings and Woodcuts 1450-1700: Hendrick Goltzius, Part III, komp. v. Marjolein Leesberg, hrsg. v. Huigen Leeflang, Ouderkerk aan den Ijssel 2012, S. 274 f., Nr. 586.

[3] Vgl. ebd.