Auf der Suche nach den Vorlagen für diese Zeichenübungen des Joachim Etzekiel Levezow kommen wir zu einer Anzahl verschiedener Zeichenbücher mit sehr ähnlichen Kupferstichen. Die Konstruktionsverfahren waren offenbar durchgängig bekannt. Das Zeichenbuch Tyrocinia Artis des Johannes Gellee, das vor allem auf Vorlagen italienischer Zeichenbücher wie Odoardo Fialettis zurückgreift und 1639 datiert ist [1] , bietet für mehrere Seiten des Levezow-Albums die größte Übereinstimmung. (Bild sehen)
Auch in einigen anderen Zeichenbüchern finden sich sehr ähnliche oder gar identische Vorlagen: Ein Beispiel ist das Buch Diagraphia sive Ars Delineatoria [2] , das 1616 von Johannes Janssonius herausgegeben wurde und ebenfalls viele Kopien nach Fialetti enthält. (Bild sehen)
Auf den Seiten 10r und 11r seines Albums stellt Levezow die zeichnerische Konstruktion eines (männlichen) Kopfes dar, einerseits en face Folio 10r und andererseits im Folio 11r. In beiden Fällen werden die verwendeten Hilfslinien gezeigt und die konstruktive Entwicklung vermittelt. Für die Profildarstellung wird ein gleichseitiges Dreieck und ein Rechteck herangezogen. Eine Seite des Dreiecks spannt dabei die Gesichtsfront auf und ist dreigeteilt bezeichnet mit „1“ für die Stirn, „2“ für die Nase und „3“ für Mund bis Kinn. Das Rechteck konstruiert die Partie von der Nase einschließlich des Auges bis zum Ohr, das als Oval das Ende des Rechtecks markiert. Soll ein gesenkter oder gehobener Kopf im Profil dargestellt werden, so werden Dreieck und Rechteck einfach gemeinsam verschwenkt und die Gesichtsteile entsprechend angeordnet. Für die frontale Gesichtsdarstellung werden eine Senkrechte durch die Nase und drei waagerechte Linien verwendet. Letztere Linien bestimmen die Höhe des Haaransatzes bzw. den oberen Teil der Stirn, die Mitte der Augen und die Nasenspitze. Auch diese Hilfslinien werden, in sich fest, perspektivisch verschwenkt, wenn andere Kopfhaltungen zu konstruieren sind.
Folio 10r ist eine exakte Kopie der Seite 2 des Zeichenbuches Tyrocinia Artis . Sogar die Plattennummer „2“ wird von Levezow kopiert. Ebenso finden wir für Folio 11r des Albums in Gellees Zeichenbuch mit dessen Seite 3 eine große Übereinstimmung. Auch hier kopiert Levezow die Plattennummer „3“. Außerdem übernimmt er einige der Buchstaben, mit denen einige Köpfe markiert sind. Allerdings ist die Anordnung der einzelnen Köpfe abweichend, einige fehlen und einer ist von der ersten Seite erneut übernommen. Auch andere Blätter Levezows haben ihre Vorbilder in dem Zeichenbuch. So sind die Augen auf fol. 12r (
) und die Nase-Mund-Partien auf fol. 13r (
) fast exakte Kopien der Blätter 4 und 5 des Zeichenbuches; die Darstellung der Ohren auf fol. 14r (
) weicht demgegenüber ein wenig von der Vorlage der Tyrocinia Artis ab. Insgesamt sind die Übernahmen jedoch so zahlreich, dass Levezows Verwendung des Werkes als Zeichenlehrbuch ausgegangen werden kann.
[1] Johannes Gellee: Tyrocinia artis pictoriae caelatoriae ac sculptoriae, Amsterdam: Claas Jansz. Visscher 1639, dazu vgl. Jaap Bolten: Method and Practice. Dutch and Flemish Drawing Books 1600-1750, Landau 1985, S. 133, 136.
[2] Johannes Janssonius: Diagraphia, sive ars delineatoria, in qua ad amussim proponuntur principia, necnon ratio sive modus, quo ducenda sint prima operum lineamenta, Amsterdam 1616.